Das Pendel anhalten


Die Zeit „zwischen den Jahren“ wurde schon immer als außergewöhnlich wahrgenommen. Traditionell standen die längsten und dunkelsten Winternächte für Vergänglichkeit und Neuanfang, als eine Art von Schwebezustand zwischen altem und neuem Jahr, zwischen dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht“. Der römische Gott Janus, Namensgeber für den Monat Januar, war der Gott des Anfangs und des Endes. Abbildungen auf Münzen zeigen ihn deshalb mit dem „Januskopf“, einem Doppelgesicht, das gleichzeitig nach vorwärts und nach rückwärts sieht. In germanischen und keltischen Volkssagen führte die zweigesichtige Göttin Perchta die „Wilde Jagd“ der Dämonen an, die in den sogenannten „Raunächten“ ihr Unwesen mit den Menschen trieben. Einige unserer heutigen Silvester-Bräuche beruhen immer noch auf der Abwehr dieser Dämonen, wie etwa das Böllern um Mitternacht.

Um sich gegen die Gefahren aus der „Anderswelt“ abzusichern, durfte man in dieser Zeit keinerlei wichtige Arbeiten verrichten und musste sich möglichst still und unauffällig verhalten. Die dunkelsten Nächte waren Schweigenächte – mancherorts war sogar das Husten verboten.
Der 21. Dezember, Tag der Wintersonnenwende, war im alten Rom der Angerona geweiht, der Göttin des geheimnisvollen Stillschweigens. Antike Bildnisse zeigen sie mit einem Finger vor ihrem geschlossenen Mund. Durch die mystische Kraft der Stille, so glaubten die Etrusker, würde das Licht der Sonne „gerettet“ – das von diesem Tag an auch immer weiter zunimmt.
Um sich für eine spirituelle Dimension zu öffnen, wurde die dunkelste Zeit des Jahres in vielen Kulturen für besinnliche Rituale und Feste genutzt. Auch Heiligabend, Weihnachten und ‚Heilige Drei Könige‘ am 6. Januar fallen in diese Zeit. Alles, was in diesem besonderen Zeitraum geschieht, so glaubte man, lege den ‚Samen‘ für das kommende Jahr. Die „guten Vorsätze“ und der Brauch des Orakelns zu Silvester gehen auf diesen Glauben zurück.

Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist heute noch Anlass für Rückschau und Voraussagen – alle Medien sind voll davon. Auch viele Menschen haben in dieser Schwebe zwischen dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht“ das Bedürfnis, in Ruhe persönlich Bilanz zu ziehen und den Blick in die Zukunft zu werfen.
Von sich zurückzutreten wie der Maler von seinem Bilde – wer das vermöchte!“ (Christian Morgenstern)
Vielleicht gelingt dies, wenn man den Alltag einfach hinter sich lässt und ‚in die Sonne fliegt‘. Doch allzu oft ist der Winterurlaub im Süden eher ein Ablenkungsprogramm, eine Flucht vor der echten Begegnung mit sich selbst …
Um Zeit zur Besinnung zu finden, muss man gar nicht den Ort wechseln, wohl aber die hektische Betriebsamkeit und den Lärm der Welt mal für eine Weile aussperren. „Die Relevanz, sich Zeit zu nehmen, um zu denken, hat mittlerweile auch Social Media erreicht“, ist in der Wirtschaftswoche zu lesen. „Dort gibt es immer mehr Nutzerinnen und Nutzer, die das Nichtstun feiern. Sie schalten ihre Handys und PCs aus und legen jegliche Art von Ablenkung beiseite.“ (Ohne zu vergessen, das auch zu posten und zu liken!)

Sich abzukoppeln von der Außenwelt und das ‚Pendel der Uhr anzuhalten‘, herauszutreten aus der getackteten Zeit, das ermöglicht erst das Eintauchen in die Kraft der Stille und in eine erhöhte Bewusstheit: „Stille, die die ganze Weite in sich hat/ und an die Ohren weht/ so, als wäre ihre andere Seite/ der Gesang, dem keiner widersteht.“ (Rainer Maria Rilke)
Allerdings kann die Stille nicht nur innere Harmonie, Stabilität und Ausgewogenheit schenken, sie kann auch die tiefen Ängste wecken, die wir unter dem Trubel des Alltags immer gut verstecken können. „Das Grundproblem unserer modernen Zivilisation besteht darin, dass wir nicht mit dem Leid in uns umzugehen wissen und es mit allen möglichen Arten von Konsum zu verdecken versuchen.“ Das gilt vor allem für unsere Art, Weihnachten zu feiern: Aus dem Fest der Besinnung ist ein Mega-Konsum-Event geworden – quasi als ein ‚Böllern gegen die inneren Dämonen‘.
„Doch solange wir nicht fähig sind, unserem Leid zu begegnen, werden wir auch nicht präsent und verfügbar für das Leben sein und das Glück wird uns immer wieder entwischen. (..) Doch die Kunst des Glücks ist gleichzeitig auch die Kunst des richtigen Leidens. Wenn wir gut mit unserem Leid umzugehen wissen, können wir es transformieren und leiden viel weniger. Das Wissen darüber, wie man richtig leidet, ist unerlässlich dafür, wahres Glück zu erlangen.“ (Zitate aus Thich Nhat Hanh: Ohne Schlamm kein Lotus)

Vielleicht sollten wir uns auf das Wissen unserer Vorfahren besinnen, dass dies eine besondere, mystische Zeit ist, in der die Tore zu anderen Dimensionen weit offen stehen (dazu zählt heute auch das Unterbewusstsein). In der dunkelsten Zeit könnten wir unsere dunklen Schatten ins Licht des Bewusstseins holen. Und möglicherweise fallen sie dann so in sich zusammen wie Vampire im frühen Morgenlicht.

Foto: Eva Glaum / In meinem Blog kann ich nur allgemeine Informationen geben. Zur persönlichen Beratung nehmen Sie bitte Kontakt zu mir auf.

„Das ganze Gehirn nutzen, um Probleme zu lösen!“

Herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinem Coaching-Blog!
Möchten Sie per Mail über neue Beiträge informiert werden? Dann tragen Sie sich bitte hier ein: