„Verzicht“ oder „Befreiung“?

Zu Weihnachten bekam ich das Buch „Die hohe Kunst des Verzichtens“ geschenkt. Es steckt voller guter Ideen und Argumente für das Verzichten. Aber eigentlich wissen wir doch alle schon längst, dass unser ewiges MEHR, MEHR, MEHR nicht mehr lange gut gehen kann! Doch weshalb verweigern wir trotzdem die notwendigen Veränderungen? Als ganze Gesellschaft? Oder persönlich in unserem Alltag? Was bleibt übrig von den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel? Meistens essen, trinken, rauchen, kaufen wir auch im neuen Jahr viel mehr, als wir brauchen oder uns gut tut. Wieso bloß?

Die Hirnforschung hat dazu einige Erklärungen:
– Unser Gehirn ist auf das Erzeugen von Gewohnheitsmustern ausgerichtet, weil alle automatischen Abläufe Energie sparen. Dagegen fallen uns Änderungen von Gewohnheitsmustern so schwer, weil sie mit einem hohen Energieeinsatz verbunden sind.
– Verluste bewertet unser Gehirn viel stärker als Gewinne, etwa doppelt so stark, sagt die Verhaltensforschung. Diese sogenannte „Verlust-Aversion“ stammt aus der Evolution. Für unsere Ur-Urahnen war sie wichtig zum Überleben, heute gefährdet unser Mehr, Mehr Mehr eher das Überleben.
– Appelle an die Vernunft scheitern aber auch daran, dass sie sich eben nur an die Vernunft richten, an die denkende Großhirnrinde, SYSTEM 2, wie D. Kahneman griffig formuliert hat. Kommt es dort zu einer ganz anderen Bewertung als in unserem SYSTEM 1, dem gefühligen Urhirn, dann haben wir in unserem Oberstübchen einen Konflikt. Dort es gibt aber eine klare Hierarchie, worauf schon die Nummerierung hinweist: Handlungsleitend ist unser Gefühlshirn!

Wer also die vernünftige Absicht hat, das eigene Leben in diesem oder jenem Punkt zu verändern, sollte dies unbedingt berücksichtigen! DAS VERNÜNFTIGSTE wäre dann, nicht nur nach guten Argumenten, sondern auch NACH GUTEN GEFÜHLEN ZU SUCHEN, die sich mit der Veränderung verbinden ließen!
Und dabei steht an erster Stelle, wie man ‚das Kind nennt‘: Denn für unser Gefühlshirn stimmt die lateinische Redewendung ganz genau: Nomen est omen – DER NAME IST EIN ZEICHEN!
Klebt man an die gewünschte Veränderung das Label „Verzicht“, dann sind damit bestimmte Assoziationen im Gefühlshirn verbunden, eben jene, die die „Verlust-Aversion“ auslösen! Und mehr noch: Das ehrenwerte Motiv „Verzicht auf …“ lenkt die Aufmerksamkeit gerade auf das, was man ja doch eigentlich nicht mehr will – Vermeidungs-Ziele sind ein echter Schuss ins Knie!

Deshalb lauten die wichtigsten Merksätze für jede bewusst gewollte Veränderung im Leben:
SYSTEM 1 + SYSTEM 2 müssen in die gleiche, also die gewünschte Richtung zielen. Und das klappt dann am besten, wenn das ZIEL DER VERÄNDERUNG so benannt wird, dass sich POSITIVE GEFÜHLE damit verbinden. Darauf beruht auch der enorme Erfolg von „Simplify your life – Einfacher und glücklicher leben“:
So ist ein bestimmter ‚Rahmen‘ gesetzt, der eine eigene Sog-Wirkung erzeugt – und mit solch guten Gefühlen kann man plötzlich sogar Sachen wegwerfen, an denen man doch sooo sehr hing …

Also bitte den richtigen ‚Rahmen‘ setzen:
Wer lästige Pfunde loswerden möchte, sollte die ganze Aufmerksamkeit statt auf „Fasten“ oder den „Verzicht auf (besonders leckeres) Essen“ lieber auf „Leichtfüßiges Joggen/ Tanzen“ oder andere attraktive Ziele lenken. Und statt „Konsum-Verzicht“ wäre besser: „Selbstermächtigung als Konsument:in“, oder der Satz „Lieber Qualität als Quantität“. Und im Sinne von „Befreiung“ wäre es gut, mal zu überprüfen, ob man den ganzen Krempel, den man so kauft oder besitzt, denn auch tatsächlich braucht, und vor allem, wozu? Wie es der Ökonom Tim Jackson treffend ausdrückte, werden wir oft „dazu gebracht, Geld auszugeben, das wir nicht haben, für Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die uns gleichgültig sind.“

Das Ziel der „Verkleinerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks“ ist sehr gut gemeint – kann aber wieder Verlust-Aversionen wecken. Ein Perspektivwechsel hin zur VERGRÖẞERUNG DES EIGENEN „HANDABDRUCKS“ wäre dagegen mit einem Gefühl des Zugewinns verbunden! Der „Handabdruck“ fasst all das zusammen, was man selbst aktiv zur Gestaltung von notwendigen Veränderungen in der Welt beitragen kann. Und mit dieser Stärkung von Selbstwirksamkeit ließe sich sogar noch der „Verzichts“-Aspekt mit guten Gefühlen versehen! Ein persönlicher Verzicht diente dann nämlich einem höheren Ziel und bekäme damit einen Sinn, den die Logotherapeutin Elisabeth Lukas so formuliert hat:
GLÜCK IST NICHT: „MIR GEHT ES GUT“, SONDERN: „ICH BIN FÜR ETWAS GUT“.

Bild: Pixabay____________________________________
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„Das ganze Gehirn nutzen, um Probleme zu lösen!“

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